Meine Stammzellenspende 2019

Am 9.12.2019 habe ich eine periphere Stammzellenspende mittels Apharese absolviert. Da ich selber nicht genau wusste, auf was ich mich da einlasse, will ich hier mal meine Erfahrungen mit dem ganzen Prozess schildern.

Die ganze Geschichte begann Anfang Oktober, als mich ein Brief erreichte, auf dem ein Stempel unmissverständlich klar machte, dass man diesen Brief unbedingt lesen und ihn nicht wegschmeißen sollte. Darin befand sich ein Schreiben, dass mir mitteilte, dass ich als Knochenmarkspender infrage komme.

Zu diesem Zeitpunkt war unser Sohn gerade einmal einen Monat alt und ich war mir wirklich nicht sicher ob ich in dieser Situation zusagen und die Spende machen soll. Da mir die Dame am Telefon aber versicherte, dass es vermutlich noch bis ins neue Jahr bis zur Spende dauern wird, sagte ich zu. Außerdem habe ich mich ja auch nicht registriert um dann am Ende doch „Nein“ zu sagen.

Aber erstmal mehr zu den Hintergründen einer Stammzellen-/Knochenmarkspende.

Leukämie

Die Leukämie ist eine Krebserkrankung des blutbildenden Systems. Dabei kommt es zu einer starken Vermehrung von Vorläuferzellen in der Hämatopoese (Blutbildung). Diese Vermehrung der Vorläuferzellen führt schließlich dazu, dass sich diese unreifen Zellen im Knochenmark ausbreiten und dort die übliche Blutbildung verdrängen. Sie treten dann in der Regel auch stark vermehrt im peripheren Blut auf und können Leber, Milz, Lymphknoten und weitere Organe infiltrieren und dadurch ihre Funktion beeinträchtigen. Die Symptome sind sehr unspezifisch und reichen von Müdigkeit über Knochenschmerzen bis hin zu Nasenbluten oder verstärkter Neigung zu Hämatomen, daher ist die Diagnose meist ein Zufallsbefund.

Eine Knochenmarkspende hilft Leukämiepatienten die Krankheit zu überwinden und ein weitgehend normales Leben zu führen. Der berühmteste Fall einer Knochenmarktransplantation ist wohl José Carreras, der darauf hin seine eigene Leukämie Stiftung gründete welche sich mit der Erforschung und Therapie der Krankheit beschäftigt.

Stammzellen

Stammzellen sind weitgehend unreife Vorläuferzellen, die noch das Potential besitzen sich zu teilen und differenzieren. Sie stehen im Gegensatz zu den terminal differenzierten Körperzellen, die eine spezielle Aufgabe erfüllen und sich meist nicht mehr teilen können. Nach erfüllter Aufgabe sterben sie nach Tagen oder Wochen ab und werden durch neue ersetzt. Im Falle des Blutes befinden sich diese hämatopoetischen Stammzellen im Knochenmark, dort sind sie gut geschützt und dienen zur Bildung des gesamten Blutes, das heißt sie Bilden die weißen Blutkörperchen, die roten Blutkörperchen und die Blutplättchen. Aus diesem Grund kann man, wenn man solche Stammzellen isolieren kann, das komplette Blut eines Menschen regenerieren.

Stamzellenspende

Diesen Umstand macht man sich bei der Stammzellenspende bzw. Knochenmarkspender zu Nutze. Beide Verfahren zielen darauf ab, die Stammzellen aus dem Knochenmark zu isolieren, sie dem leukämiekranken Patienten zu transferieren und ihn dadurch zu heilen. Bei einer Knochenmarkspende werden die Stammzellen mittels Punktion in Vollnarkose aus dem Beckenkamm geholt, das funktioniert immer. Bei einer peripheren Stammzellenspende werden die Stammzellen mittels eines Hormons (dazu später mehr) zur Teilung angeregt und aus dem Knochenmark gelöst. Dadurch erhöht sich die Konzentration der Stammzellen im Blut und man kann sie absammeln. Dies geschieht mittels Apharese. Dabei wird Blut von einem Arm abgezapft in die Aphareseapparatur geleitet und mittels Zentrifugation von den restlichen Blutbestandteilen getrennt. Das funktioniert recht gut, da zB die roten Blutkörperchen keinen Zellkern mehr haben und dadurch leichter sind. Die Zellen werden gesammelt und der Rest wird über den anderen Arm wieder zurückgeführt. Hierbei kommt es allerdings darauf an, wie man auf das Hormon reagiert und wie viele Stammzellen darauf gebildet bzw. aus dem Knochen gelöst werden. Alles in allem ist die Stammzellenspende mittels Apharese aber eine recht entspannte Prozedur für den Spender.

Für den Empfänger sieht das schon etwas anders aus, denn bevor er die potentiell lebensrettende Spende erhalten kann muss er konditioniert werden, d.h. bei ihm muss das Knochenmark zerstört werden. Er wird dann ca. 10 Tage vor der Spende stationär aufgenommen und das Knochenmark mittels Chemotherapie oder Bestrahlung zerstört. Ist das Knochenmark einmal zerstört kann der Patient nur ca. 4 Wochen mit seinem restlichen Blut überleben. Die isolierten Zellen bekommt er dann intravenös verabreicht und man hofft dass sich die Stammzellen dann im Knochenmark ansiedeln und neues Blut daraus entsteht.

G-CSF

Um die Stammzellen zu vermehren, auszuschwemmen und die Nebenwirkungen so gering wie möglich zu halten wird ein körpereigenes Hormon, welches in der Hämatopoese wirkt, benutzt. Das G-CSF, der Granulozyten-Kolonie-stimulierende Faktor, ist ein Hormon des blutbildenden Systems welches ziemlich am Ende der Zellentwicklung die Bildung der Granulozyten stimuliert. Die Aufgabe der Granulozyten ist vor allem die unspezifische Bekämpfung (angeborene Immunantwort) von Bakterien, Parasiten und Pilzen. Da nun die Bildung der Granulozyten stimuliert wird, wird auch die Bildung der Vorläuferzellen, also der Stammzellen, stimuliert. Dies ist genau der Effekt den man haben will. Die Gabe von G-CSF beginnt 5 Tage vor der Spende und muss nach einem strikten Plan erfolgen. Am 5. Tag ist dann das Maximum der Wirkung erreicht. Diese Behandlung ist mit Nebenwirkungen verbunden, welche sich vor allem durch Gliederschmerzen zeigen. Das rührt daher, dass mehr Zellen im Knochenmark produziert werden und sie dann auch mehr Platz brauchen und diesen Druck merkt man. Dies sind aber die gewünschten und zu erwartenden Nebenwirkungen. Die unerwünschten Nebenwirkungen enthalten Dinge wie einen Milzriss, da die Milz während der Stimulation auf die doppelte Größe anwächst. Aus diesem Grund sollte man auch high impact Sportarten wie Fußball während dieser Zeit vermeiden, da die vergrößerte Milz dann leichter beschädigt werden kann. Auf beide Arten der Nebenwirkungen wird man im Vorgespräch sehr detailliert hingewiesen.

Ablauf der Spende

Aber zurück zu Mitte Oktober. Als nächster Schritt stand nach der ersten Kontaktaufnahme eine weitere Prüfung der Eignung meinerseits an. Bisher wusste man zwar, dass unsere HLA-Typen zusammenpassen, es gibt aber wohl bis zu 13 weitere Parameter, die getestet werden und so gut wie möglich passen müssen. Erstaunlicherweise spielt die Blutgruppe dabei keine Rolle, da das Blut ja ersetzt wird. Durch die bestmögliche Übereinstimmung soll eine Abstoßung der neuen Zellen durch den Körper möglichst ausgeschlossen werden. Für diese weitere Typisierung wurden mir Proberöhrchen zugeschickt. Mit diesen musste ich dann zum Hausarzt wo sie dann mit Blut gefüllt wurden. Die Proben wurden dann mit einem Kurier abgeholt und von der Stiftung Aktion Knochenmarkspende Bayern analysiert. Nach ca. 2-3 Wochen stand dann fest, dass wir wohl so gut zusammenpassen, dass eine Stammzellentransplantation durchgeführt werden kann. Dann ging plötzlich alles ganz schnell und die Termine bis zur Spende wurden mir mitgeteilt bzw. festgelegt.

Der nächste Termin war dann die Voruntersuchung. Diese sollte dann ca. 3 Wochen vor der Spende stattfinden. Bei dieser Voruntersuchung wird zum einen geprüft, ob ich (Spender) gesund genug bin, dass für mich kein Risiko besteht. Dazu wurde ich auf Herz und Nieren untersucht, und das ist durchaus wörtlich zu sehen. Es wurden mir nochmal zahllose Blutproben abgenommen und daraus ein großes Blutbild erstellt und nach möglichen Viruserkrankungen geschaut, welche für den Empfänger gefährlich werden könnten. Dazu zählen HIV, Hepatitis, und viele weitere. Neben dem Blut wurde auch ein Ultraschall meiner inneren Organe und ein EKG gemacht, außerdem wurde meine Lunge geröntgt. Dies geschah alles während des Vormittags. Am Nachmittag fand dann die Aufklärung über die Risiken und Nebenwirkungen an und man bekommt die Hormone samt Mobilisationsplan ausgehändigt (siehe Bilder).

Das Hormon bekommt man in Spritzen und man muss es sich subkutan spritzen. Ich fing damit an einem Donnerstag an und 24h nach der ersten Spritze spürte ich schon die ersten Nebenwirkungen in Form von Schmerzen im unteren Rücken. Während der nächsten Tage breiteten diese sich dann über den ganzen Rücken bis zu den Schulterblättern aus. Allerdings muss man sagen, dass das alles auszuhalten war. Ab Samstag Nachmittag wurden die schmerzen dann pulsierender, was darauf hindeutet, dass die Zellenn nun ins Blut austreten. Außerdem kam dann noch Abgeschlagenheit dazu, da ich die Nacht vor der Spende im Hotel verbrachte konnte ich das gut wegstecken und viel schlafen.

Am Montag, den 9.12., begann dann die Spende ab 8 Uhr beim BRK Blutspendedienst in München, nahe der Theresienwiese. Man bekommt dann an beiden Armen Zugänge gelegt, da Blut auf der einen Seite abgezapft wird und auf der anderen Seite werden die übrigen Blutbestandteile wieder zurückgeführt. In der Maschine wird dem Blut ein Gerinnungshemmer, Zitronensäure, zugeführt. Zitronensäure komplexiert positive Ionen im Blut (Calcium, Magnesium, Kalium) die zur Blutgerinnung notwendig sind. Als erstes wird die Konzentration der Stammzellen im Blut mittels Durchflusszytometrie ermittelt. Das heißt die Zellen werden mit Antikörpern gegen charakteristische Oberflächenproteine angefärbt und gezählt, das dauert dann ca. 2 Stunden. Wenn dieses Ergebnis vorliegt kann errechnet werden, wie viel bzw wie lange gesammelt werden und wie lange man in der ungemütlichen Position (siehe Bild) ausharren muss. Die Konzentration meiner Stammzellen war wohl recht hoch, doch ungünstigerweise war die Anforderung des Empfängers ebenfalls sehr hoch, wodurch die maximale Zeit von 5 Stunden voll ausgenutzt werden musste.

Nach der Spende gab es noch einen kleinen Mittagssnack und ich wurde wieder nach Gauting zum AKB zur Abschlussbesprechung gebracht. Dort wird nochmal das Blut auf Elektrolyte überprüft und die Zellzahl der weißen Blutkörperchen ermittelt und festgestellt ob man so entlassen werden kann. Allerdings darf man aufgrund des gerinnungshemmenden Mittels nicht am Straßenverkehr teilnehmen, da die Reaktionsfähigkeit aufgrund der Fehlenden Mineralien herabgesetzt ist. Da bei mir aber alles in Ordnung war durfte ich dann gegen 16:30 wieder nach Hause fahren.

Der ganze Ablauf ist sehr stark Durchorganisiert und es wird immer darauf aufgepasst, dass für den Spender auch kein Risiko besteht. Daher möchte ich mich nochmal bei allen beteiligten bedanken, die mir die Spende so angenehm wie möglich gemacht haben.

Falls ihr euch jetzt selbst typisieren wollen lassen wollt, könnt ihr das hier tun:

Ich habe über meine Spende und über das Theme Stammzellenspende allgemein auch mit Dominic im „The Random Scientist“-Podcast gesprochen: https://therandomscientist.de/2020/01/01/trs052-stammzellenspende/